1944: Führung des ASW in Espenhain plante den Einsatz von KZ-Häftlingen

Espenhain/Böhlen. Der Leipziger Historiker Martin Baumert ist kürzlich im Bundesarchiv in Berlin auf ein interessantes Dokument gestoßen. Dieses relativ kleine und unvollständige Schriftstück vom 10. Juli 1944 bestätigt, dass neben der Führung des Brabag-Werkes in Böhlen auch die der ASW in Espenhain im Sommer 1944 beim stellvertretenden Leiter der Inspektion der Konzentrationslager im SS-Wirtschafts- und Verwaltungsamt, Standartenführer Gerhard Maurer*, KZ-Häftlinge (im Sprachgebrauch der SS auch als KL-Häftlinge bezeichnet) angefordert hat. Wie die Abschrift offenbart „benötigten“, der Werksbeauftragte von Felbert für Böhlen 1.000 und sein Amtsbruder Schwarz in Espenhain 500 KZ- Häftlinge, und zwar umgehend. Von Felbert und auch Schwarz waren im herkömmlichen Sinne Firmenchefs, die sich gemäß der NS-Ideologie Werksbeauftragter oder Betriebsführer nennen mussten. Wie aus dem Geheimdokument hervorgeht waren, Unterkünfte in beiden Werken vorhanden und für Böhlen bereits durch Obersturmbandführer Schwarz vom Lager (KZ d. A.) Buchenwald für gut befunden worden. Damit der Häftlingseinsatz auch die „notwendige Rentabilität“ bei der Ausbeutung gewährleisten sollte wurde gleichzeitig ein Schlüssel für den Einsatz des Bewachungspersonals vorgegeben. Auf 8 Häftlinge sollte mindestens ein Bewachungsmann kommen. Für die Bewachung der Häftlinge in den Außenlagern und während der Arbeitseinsätze war die SS verantwortlich.

Quelle: Bundesarchiv Berlin (Repro Werner Winkler)
Quelle: Bundesarchiv Berlin (Repro Werner Winkler)

Mehr oder weniger aufgearbeitet ist, dass für das Brabag–Hydrierwerk in Böhlen im Zeitraum 25. Juli bis 28. November 1944 ein Außenlager des KZ Buchenwald bestand. 1.100 nichtjüdische Häftlinge aus Russland, Polen Tschechien, Frankreich, Italien und Deutschland wurden zum Bunkerbau und schweren Räum- und Bauarbeiten eingesetzt. Der Standort des Lagers, welches möglicherweise zunächst nur als Zeltlager bestand, war wahrscheinlich die Hochhalde in Lippendorf. Die Gründe für das nur kurzzeitige Bestehen des KZ-Außenlager Böhlen waren zum einen die wegen der ständig zunehmenden Luftangriffe der Alleierten beabsichtigte Verlagerung von Produktionsanlagen an „sichere Orte“ und möglicherweise auch die hohe Fluchtrate. Insgesamt waren 35 Fluchtversuche erfasst, wovon nur fünf keinen Erfolg hatten. Festzustellen ist, dass viele Details des Einsatzes der KZ-Häftlinge bisher noch ungeklärt sind. So sind z. B. 10 Todesopfer dokumentiert, der Verbleib der sterblichen Überreste ist jedoch bisher nicht bekannt. Bekannt ist dagegen, dass 977 Häftlinge nach Schließung des Lagers in das Außenlager Königstein des KZ Flossenbürg überstellt wurden. Andere wurden zurück nach Buchenwald gebracht. Nicht sicher nachgewiesen ist bisher eine kurzzeitige Wiederinbetriebnahme des KZ-Außenlagers Böhlen für den Zeitraum Februar bis April 1945. Im Gegensatz zur Brabag in Böhlen blieb in allen bisherigen historischen Aufarbeitungen zur Geschichte der ASW ein geplanter oder möglicherweise auch umgesetzter Einsatz von KZ-Häftlingen in Espenhain unberücksichtigt. Berichtet wurde lediglich über den Einsatz von mehreren Tausend Kriegsgefangenen, Zwangs- und Fremdarbeiter und deren Unterbringen in einem großen Lagerkomplex gegenüber dem Werksgelände, direkt an der heutigen B 95. Eine jüngste Anfrage des Autors bei der Forschungsstelle des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald ergab, dass es sich bei dem vorgesehenen Einsatz der KZ-Häftlinge um eine Planungsabsicht gehandelt haben könnte, die jedoch nicht realisierte wurde. Im Archiv der Gedenkstätte Buchenwald wurden keine Dokumente gefunden, die auf einen Einsatz von Buchenwald-Häftlingen in Espenhain schließen lassen. Ähnlich fällt die Antwort aus der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Sachsenhausen/Oranienburg aus: „Fast alle Akten der Kommandantur des KZ Sachsenhausen einschließlich der Häftlingskartei und nahezu aller Häftlingsakten sind von der SS im Frühjahr 1945 noch vor der Befreiung des KZ vernichtet worden. Die wenigen, unvollständig erhalten gebliebenen Akten befinden sich in verschiedenen Archiven, größtenteils in Archiven der Russischen Föderation. Die personenbezogenen Informationen dieser Unterlagen sind in unserem Archiv in Datenbanken erfasst. In unseren Datenbanken konnten keine Angaben zum Einsatz von Häftlingen in der ASW Espenhain ermittelt werden.“ Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ist damit, im Gegensatz zu Böhlen, die zeitweilige Existenz eines KZ-Außenlagers in Espenhain auszuschließen. Eine Entwicklung die nicht der ASW-Führung zu Gute zu schreiben ist, eher dem Zufall oder der Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt die Bedarfe der Industrie an billigen Arbeitskräften nicht mehr gedeckt oder wegen fehlenden Wachpersonal als undurchführbar eingestuft wurden. Tatsache bleibt auch, dass die in Espenhain zum Einsatz gekommenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter keine bessere Behandlung als in anderen Wirtschaftszweigen erfuhren. Sie waren ebenfalls rassistischer Diskriminierung sowie Verfolgung und Ausbeutung ausgesetzt und damit Bestandteil der Verbrechen des Nationalsozialismus.

Gerhard Maurer (geb. 09.12.1907 in Halle an der Saale) tauchte im April/Mai 1945 zunächst mit falschen Entlassungspapieren unter, wurde im März 1947 verhaftet und im Rahmen der Nürnberger Prozesse vernommen. Ende 1947 wurde an Polen ausgeliefert und dort 1951 zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung erfolgte am 2. April 1953 in Krakau.

Literatur-Hinweis: In der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung ist unter dem Titel „NS-Terror und Verfolgung in Sachsen – Von den Frühen Konzentrationslagern bis zu den Todesmärschen“ ein rund 600seitiges Sachbuch zu diesem Themenkomplex kostenlos erhältlich. publikationen@slpb.smk.sachsen.de