HiReDo

Historische Recherchen & fotografische Ereignisdokumentation

1968: Mit dem Zug von Leipzig nach Espenhain um Clapton, Hendrix & Co. zu hören

Leipzig/Espenhain. Im Herbst des vergangen Jahres war ich Gast auf der Vernissage zur Ausstellung „Alles ist Rock ´n` Roll“ des Leipziger Karikaturisten Werner David in der „Moritzbastei“. Das dort Gesehene und Gehörte wurde jüngst bei einem guten Pott Kaffee weiter vertieft. Vor allem die Erwähnung von Espenhain in der Laudatio verlangte Aufklärung. David, der 1951 im Osten der Messestadt geborenen wurde, ist seit seiner frühsten Jugend ein großer Verehrer und Kenner von englischsprachiger Rock- und Beat-Musik. Er selbst schätzt seine Musiksammlung auf über 2.500 Tonträger. Aus seinem einstigen Spitznamen „Elvis“ ist heute sein Künstlername „l.viss“ geworden. Eine „Elvis-Tolle“ trug er aber nur kurze Zeit, dafür aber einen Pilzkopf und später eine richtig „lange Mähne“. In sein Leben hat sich, wie er von sich behauptet, vor allem die Musik von Eric Clapton mit der Band Cream und dem 1968er Album „Wheels of Fire“ eingebrannt. Bis heute ist Cream für ihn das Non plus Ultra. In der DDR war diese Musik lange Zeit politisch diskreditiert. Ihre Anhänger wurden als „Dekadente“ an den Pranger gestellt und oft politischen Repressalien ausgesetzt. Im April 1965 erschien zwar in der DDR eine erste LP der Beatles, gleichzeitig stellte aber Walter Ulbricht ein halbes Jahr später auf dem 11. SED-Plenum seine in die Geschichtsbücher eingegangene Frage:

Ist es wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nur kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen

1953: HO wirbt für Autokauf in LVZ

Borna, Geithain, Grimma, Wurzen. Viel wurde im Spätherbst 2017 in den ostdeutschen Medien über den Beginn der Trabant-Produktion vor 60 Jahren berichtet. Neben den überwiegend schönen Erinnerungen an Freizeit und Urlaub mit der „Pappe“ aus Zwickau, berichteten die einst glücklichen Auto-Besitzer auch über die langen Wartezeiten und utopischen Schwarzmarktpreise für ein solches Gefährt. Grund genug, sich die Zeit vor 1957, also die „Vor-Trabi-Zeit“, etwas näher anzuschauen. Personenkraftwagen wurden in der DDR auch schon vor dem Beginn der Trabant- und Wartburg-Ära gebaut. Zum Beispiel von 1949 bis 1955 der IFA F8, der im Wesentlichen auf einer Weiterentwicklung des DKW F8 basierte. Insgesamt liefen im VEB Kraftfahrzeugwerk Audi Zwickau (früher Auto Union, Werk Audi) 25.000 Stück dieses Typs vom Band. Oder der IFA F9, der von Oktober 1950 bis Sommer 1953 zunächst ebenfalls in Zwickau gebaut wurde. Seine Produktion wurde 1953 in den VEB Automobilwerk Eisenach (AWE) verlagert, wo er bis 1956 noch unter dem Namen EMW 309 produziert wurde. Insgesamt wurden bis Mai 1956 etwa 30.000 Stück dieses Fahrzeugtyps gebaut. Sein Nachfolger war der Wartburg 311. Bevor der erste Trabant die Zwickauer Autoschmiede verließ baute man dort noch seinen Vorgänger den P70, ebenfalls schon mit einer Karosse aus Duroplastschalen. Privates Fortbewegungsmittel Nummer 1 war nach dem 2. Weltkrieg und in den ersten Nachkriegsjahren aber das Fahrrad. Wer es sich leisten konnte, schaffte sich auch ein Motorrad an. Oft auch mit einem Seitenwagen für den Familienausflug. Neue private PKW s waren eher die Ausnahme. Wie eine Anzeige der HO Industriewaren des Kreises Grimma in der Leipziger Volkszeitung aus dem Sommer 1953 zeigt, wurden sogar die IFA-Modelle F8 und F9 tatkräftig beworben.

NAK-Lehrlingswohnheim erbettelt, ungenutzt, abgerissen

Wurzen. Jüngst war unter der Rubrik „Heimatgeschichte“ der LVZ-Ausgaben Muldental und Borna/Geithain zu lesen, dass am 5. September 1986 Harry Tisch, seines Zeichens Mitglied des Politbüros des ZK der SED und Vorsitzender des Bundesvorstands des FDGB, den VEB Nahrungsmittelwerk „Albert Kuntz“ mit einem Arbeitsbesuch beehrte. Es ging um die Begutachtung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen. Besonders wichtig war den Gastgebern von Harry Tisch Unterstützung für den Neubau eines Lehrlingswohnheims zu erhalten. Der katastrophale bauliche Zustand des alten Hauses in der Friedrich-Ebert-Straße (Stadthausvorplatz) hatte zu reichlich Verdruss, nicht nur unter den Lehrlingen geführt. Für den angestrebten Neubau auf dem Werksgelände fehlte die notwendige Baukennziffer (geplante Kosten: 3.580 TM, davon 2.700 TM Bauleistungen). Die „Kekse“, wie der Betrieb liebevoll von den Beschäftigten auch genannt wurde, war seinerzeit zentraler Ausbildungsbetrieb des Kombinates Nahrungsmittel und Kaffee. Nach Tischs Besuch erhofften sich die Verantwortlichen endlich eine zügige Umsetzung des Vorhabens. Doch es sollte eine unendliche Geschichte mit allen für die DDR typischen Schwächen und falschen Versprechen werden.

Bitte keine Scheindebatten

In einem Gesellschaftssystem in dem nur noch „Höchstleistungen“, egal ob in Schule, Beruf oder Sport, das Maß aller Dinge sind, muss es zwangsläufig zur Perversionen kommen. Der Sport ist zur reinen Ware verkommen. Immense Summen verdient die Sport- und Werbeindustrie damit. Ein geringer Teil der Spitzensportler schwimmt im Geld, weil sie ihre „Unterstützer“ reich machen und weil die Zielgruppe Fan, egal ob aktiv oder passiv, längst als sehr gewinnbringend eingestuft ist. Andere kämpfen um das nackte Überleben, weil mit ihrer Sportart kein Profit und keine Einschaltquoten zu machen sind. Einen Knick in der Leistungskurve können sich beide Gruppen nicht leisten. Für die Einen droht der finanzielle Absturz und der Verlust der Medienpräsenz und die Anderen stehen vor der Frage, den Leistungssport zu beenden und die nackte Existenz zu sichern. Interessiert hat sich für sie sowieso nur ein kleiner Kreis von Insidern. Wie soll dieser Entwicklung Einhalt geboten werden? Die Einen fordern die Freigabe von Doping und die Andern die Einstellung von Bestenlisten. Eine sinnlose und dümmliche Debatte. Sind sich die Protagonisten beider Lager eigentlich bewusst, dass sie damit den Sport zu Grabe tragen werden? Wird Doping freigegeben, dann bekommen alle Sportarten, bei denen eine künstliche Leistungssteigerung relevant sein kann, immense Nachwuchsprobleme. Das Sprichwort „Sport ist Mord“ würde zum bitteren Ernst und die Bereitschaft von Eltern, die sportlichen Aktivitäten ihrer Sprösslinge zu fördern, gen Null sinken. Das noch in Fragmenten vorhandene positive gesellschaftliche Image des Sportes wäre endgültig dahin. Genauso verhängnisvoll wäre aber auch die Abkehr von jeglicher Leistungsentwicklung und Bewertung. Wer denkt, dass Sport ohne Rekorde auskommen kann, der ist weltfremd und versteht nicht die Motivation von Sportlern. Die Lösung kann nur in einer grundlegenden Änderung der Sportförderung und gesellschaftlichen Gleichbehandlung von Sportlern liegen. Der Staat muss an die erste Stelle treten, noch vor den Sponsoren, und seine gesamtgesellschaftliche Verantwortung für den Sport wahrnehmen. Junge Talente dürfen nicht verheizt werden. Die Einheit von Sport, Schule und Beruf muss zur Norm werden. Trainer müssen frei und unabhängig sein. Dazu gehört auch eine angemessene Bezahlung. Nicht das kommerzielle Interesse darf im Sport mehr das Primat haben. Leider schwer vorstellbar, dass ein solcher Weg in naher Zukunft gegangen wird. Vielmehr wird der Zug noch eine ganze Weile weiter in die gleiche Richtung rasen. Auch weil diese Entwicklung eine Folgeerscheinung der Globalisierung ist. Deshalb bitte keine Scheindebatten. Und schon gar nicht mit dem Finger nur auf Russland zeigen. Das Übel ist überall und muss an den Wurzeln gepackt werden.

Veröffentlicht am 07.02.2017 in der Leipziger Volkszeitung

1986: Harry Tisch im (VEB) "Albert Kuntz"

Wurzen. Große Geschäftigkeit herrschte im Spätsommer 1986 im VEB Nahrungsmittelwerk „Albert Kuntz“ in Wurzen. Auslöser dafür war der für den 5. September angekündigte Arbeitsbesuch von Harry Tisch, seines Zeichens Mitglied des Politbüros des ZK der SED und Vorsitzender des Bundesvorstands des FDGB. Er kam, weil das Politbüro beschlossen hatte sich stärker um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen zu kümmern. Gründe dafür gab es genug. Durch zahlreiche Eingaben aus den Bezirken war die Unzufriedenheit der Menschen auch in Berlin nicht mehr zu übersehen. Harry Tisch sollte und wollte sich davon auch in Wurzen, in einem volkseigenen Betrieb mit immerhin 1000 Beschäftigten, ein eigenes Bild machen. Über die monatlichen „Stimmungsberichte“ war im „Tischkasten“, wie der Volksmund die Berliner Gewerkschaftszentrale nannte, angekommen, dass die Beschäftigten des Nahrungsmittelwerks unzufrieden waren und es rund um die Planerfüllung erhebliche Probleme gab. Besonders die für den Kreis Wurzen unterdurchschnittliche Bezahlung sowie der miserable Zustand von Betriebsküche, Speisesaal und weiterer sozialer und sanitärer Einrichtungen erregte den Unmut der Beschäftigten. Dass sich Mitglieder des SED-Politbüros direkt vor Ort ein Bild der Zustände verschaffen wollten, gefiel einigen örtlichen Parteigrößen wenig und die Auswahl eines problematischen Betriebs schon gar nicht. Das Ansehen des Kreises hätte in Berlin Schaden nehmen können. Es galt also, das Schlimmste zu verhindern.

Sie wollten nur den Rock`n Roll?

In der Ortschaft Ponitz, Kreis Schmölln, wird am 15. Mai 1958 von 7 jungen Männern ein ca. 1 Meter mal 1 Meter großes Plakat mit der Aufschrift „Elvis Presley – das Idol! Wir wollen nur den Rock`n Roll“ durch den Ort getragen. Dieses Ereignis wird von den Sicherheitsorganen ausführlich dokumentiert und drei der „Übeltäter“ werden der Öffentlichkeit als Vorbestrafte präsentiert. In Polizeiberichten oder Einschätzungen über den politisch-ideologischen Zustand der DDR-Jugend jener Zeit stößt man unweigerlich auf zwei Erscheinungen: Die Begeisterung vieler Jugendlicher für die Rock`n Roll-Musik und ihre vielfache Gleichsetzung mit purem Rowdytum. Deutlich wird zum einem der Wunsch, sich diese Musik zu erschließen. Gleichzeitig gibt es von Beginn an auch eine Vielzahl von kriminellen Begleiterscheinungen. Beide Entwicklungen werden als hoch brisante politische Angelegenheit eingestuft und mit allen Mitteln der Staatsmacht bekämpft. Einblicke in Akten der Bezirksbehörde Leipzig der Deutsche Volkspolizei (BdVP) aus jener Zeit belegen dies anschaulich.