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Liebe Besucherinnen und Besucher meiner Website,

in der Ausgabe Borna/Geithain der LVZ erschien am 13./14. März 2021 ein Interview von Redakteur André Neumann mit mir. Dafür möchte ich mich bei Herrn Neumann herzlich bedanken. Aus Platzgründen konnte nicht der volle Wortlaut der von mir gegebenen Antworten gedruckt werden. Wichtig ist für mich vor allem die Wiedergabe der breiten Unterstützung, die ich bei meinen Recherchen erhalten habe. Ihr Werner Winkler

 

 

Hier das vollständige Interview:

 

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Heimatgeschichte zu beschäftigen?

Geschichte gehörte in der Schulzeit und beim Studium zu meinen Lieblingsfächern. Den Grundstein dafür haben meine Eltern gelegt. Sie sind z. B. mit mir weit vor der obligatorischen Jugendweihefahrt in das KZ Buchenwald gefahren. Seit Beginn der 1990iger Jahre habe ich von Espenhain aus das Berufsfortbildungswerk (bfw) in Westsachsen geleitet. Mir war schon nach kurzer Zeit klar, nach meinem Arbeitsleben will ich mich intensiver mit der Geschichte des Ortes und Werkes beschäftigen.

Womit haben Sie sich bislang beschäftigt?

Da ist seit 2013 einiges zusammengekommen. Das meiste davon wurde auch in dieser Zeitung veröffentlicht. Zum Beispiel meine Espenhainer Recherchen zum Bombentod von 128 französischen Kriegsgefangenen am Pfingstsonntag 1944 oder über das Ostern 1943 dort eröffnete Bordell für Zwangsarbeiter. Erkundet habe ich auch die Entstehung und den Niedergang des Kulturhauses „Clara Zetkin“. Interessant war auch das Thema Spionage im Kalten Krieg, „Mit Flugblättern und Stinkbomben gegen die Unmenschlichkeit“, eine Recherche über die Umtriebe der Westberliner „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ im Leipziger Raum. Wer mehr zu meinen Arbeiten erfahren möchte, der findet dies unter www.hiredo.de.

Warum ist die Aufarbeitung des Kapitels Zwangsarbeit für Sie so wichtig?

In der DDR war NS-Zwangsarbeit kein Thema in der Geschichtsforschung und Erinnerungskultur. Ältere Untersuchungen findet man eigentlich nur aus der früheren BRD. Auch nach dem politischen Untergang der DDR änderte sich an der Aufarbeitungspraxis wenig. Bei der Auflösung der ehemaligen VEB-Betriebe wurden viele Dokumente achtlos vernichtet. Die Frage, braucht das noch einer, war symptomatisch für diese Periode. So ist viel ungenutzte Zeit verstrichen und Zeitzeugen leben nur noch wenige. Andere heimatgeschichtliche Recherchen geben zum Teil die tatsächlichen Leiden der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen unscharf und verfälscht wieder. Zu lesen ist: „von irgendwelchen Schikanen oder Drangsalierungen der ausländischen Arbeitskräfte war nichts bekannt oder wenn sie ihre Arbeit ordentlich verrichtet haben, dann ging es ihnen gut.“ Ehemalige Beschäftigte aus Betrieben, in denen Zwangsarbeiter beschäftigt waren, neigen teilweise zu einer „technischen Verklärung“ der Zeit des Nationalsozialismus, indem sie die kurzen Bauzeiten und neuen Technologien sowie die „gigantischen“ Produktionsleistungen in der Bewertung, vor die der Verbrechen stellen. Davon zeugt auch die Erinnerungstafel vor der Firma TDE in Espenhain.

Gab es ein Schlüsselerlebnis/ eine Schlüsselerkenntnis, das/die Sie dazu brachte, beim Thema Zwangsarbeit ganz speziell auf Frauen und Kinder zu schauen?

Ich habe mich intensiv mit der Geschichte des DDR-Hits „Über sieben Brücken musst du geh´n“ beschäftigt. Als der Mann, dem wir das Lied zu verdanken haben, Helmut Richter, im November 2019 verstarb, durfte ich für die LVZ eine Seite „Drei“ schreiben. Danach gab es viele Anfragen für Vortragstermine und ich wurde auch um eine Einführung zum gleichnamigen TV-Film gebeten. Bei diesen Anlässen wurde ich mehrfach gefragt, ob denn der polnische Bauarbeiter Jerzy, von dem die junge Laborantin Gitta ein Kind erwartete, wirklich im Espenhainer ASW-Lager geboren wurde. Das war der Auslöser für meine „Spurensuche“. Das erste Ergebnis war: Die angebliche Geburt von Jerzy am 3. April 1944 in Espenhain war eine „künstlerische Freiheit“ von Helmut Richter. Für mich war das der Anlass, mehr zu diesem bisher vernachlässigten Kapitel der NS-Verbrechen in Erfahrung zu bringen.

 

Zeigt sich am Umgang mit schwangeren Frauen und Kindern die Grausamkeit des NS-Systems zur Beschaffung von Arbeitskräften ganz besonders?

 

Zwei Beispiele bestätigen dies deutlich: Erwartete eine Zwangsarbeiterin ein Kind, so wurde dies mit großem Missfallen bewertet. In den Augen der Verantwortlichen bedeutete dies Leistungsminderung, Arbeitsausfall und zusätzliche Kosten. Zum Anderem stellte eine Entbindung bei einer als rassisch minderwertig eingestuften Polin oder Sowjetrussin einen unerwünschten Bevölkerungszuwachs dar. Ab dem Frühjahr 1943 versuchte das NS- Regimes, derartige "Unannehmlichkeiten" durch geburtenverhindernde Maßnahmen von vornherein zu verhindern. Anders als bei deutschen Frauen war es daher bei osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen gestattet, "auf Wunsch der Schwangeren“, wie es in dem entsprechenden Erlass des Reichsgesundheitsministers vom März 1943 hieß, Abtreibungen vorzunehmen. Verweigerten sich die betroffenen Frauen mussten sie mit ihren Kindern unter den widrigen Lagerbedingungen leben und weiterhin ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Für Espenhain ist es traurige Tatsache, dass es auf Grund der Bedingungen für jedes 4. Kind keine Lebenschancen gab. Archivmaterialien belegen, dass es für in der Landwirtschaft eingesetzte Polinnen und Ostarbeiterinnen in Technitz bei Döbeln in einem Alten- und Pflegeheim eine Abteilung für ausländische Neugeborene gab. Die Mütter wurden faktisch gezwungen ihre Kinder dort abzugeben. In Spitzenzeiten wurden dort in 8 Erwachsenenbetten bis zu 40 Säuglinge gelagert. Besuchen durften die Mütter ihre Kinder nur am 1. Sonntag im Monat. Polnischen Müttern wurde eine Arbeitsbefreiung von zwei Wochen vor und sechs Wochen nach der Niederkunft gewährt. Ostarbeiterinnen mussten bis zum Tag der Niederkunft und auch unmittelbar danach zum Arbeiten zur Verfügung stehen.

 

Wie sind Sie zu Ihren Erkenntnissen gelangt?

 

Durch unzählige Stunden des Lesens von Archivmaterial und Veröffentlichungen zu diesem Thema. Zu denen, die auf diesem Gebiet forschen, gehört auch der junge Leipziger Historiker Dr. Martin Baumert. Mit ihm stehe ich schon seit längerer Zeit im Austausch. Er hat mich auch bei meinen Recherchen fachlich unterstützt. Gleiches trifft auch auf die Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig zu. Ganz wichtig war auch die unkomplizierte Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung Neukieritzsch. In deren Standesamt lagern die Geburten- und Sterberegister von Espenhain, Lippendorf und Pulgar. Ohne die Zuarbeiten aus diesen Dokumenten, die mir der Standesbeamte Herr Andreas Gohr mit der Zustimmung von Bürgermeister Thomas Hellriegel erstellt hat, wäre das Vorhaben gescheitert. Geholfen hat mir auch die Ortskenntnis meines früheren Kollegen und heutigen Wirt der Espenhainer „Aspe“, Peter Petters.

 

Gab es während der Recherche besonders bewegende Momente für Sie?

Wenn es um Leben und Tod von Kindern geht, dann sind dies immer sehr bewegende Augenblicke. Akten mit personenbezogenen Daten sind für mich als Hobbyhistoriker aus rechtlichen Gründen nicht zugänglich. Dadurch bleibt vieles abstrakt. Der Moment, als ich dank der Unterstützung der Standesbeamtin von Groitzsch Frau Kerstin Fettke die Geburts- und Sterbeurkunde von Switlawa Walla Michailowa und die darin enthaltenen Angaben zu ihrer Mutter in den Händen hielt und dadurch noch mehr Erkenntnisse möglich geworden sind, war deshalb schon bewegend. Ich habe den Namen der Mutter in eine internationale Datenbank zur NS-Zwangsarbeit eingegeben und auf meinem Bildschirm erschien eine Liste, die belegte, dass in der Zeit vom 18.11.1942 bis zum 16.05.1945 23 Russinnen und eine Polin als Zwangsarbeiterinnen im Hartpapierwerk Groitzsch gearbeitet haben. Vom Heimatverein Groitzsch habe ich danach erfahren, das Hartpapierwerk hat während der Zeit des 2. Weltkrieges neben Marmeladeneimern auch Kartuschen und Gasmaskenbehälter produziert.

Verraten Sie uns bitte, welchem Thema Sie sich als nächstes widmen?

Das Thema Zwangsarbeit in der NS-Zeit wird mich weiter beschäftigen. In einem Archivdokument habe ich die Zahl 2.118 gefunden. Hinter ihr verbergen sich die Schicksale der Kinder von Zwangsarbeiterinnen, die in der Stadt und im damaligen Landkreis Leipzig eingesetzt waren. Mehr als die Hälfte hatten Mütter mit einer Nationalität aus der ehemaligen UdSSR. Gemeinsam mit dem Kuhstall e. V. in Großpösna wird gerade darüber nachgedacht, wie mein Thema einer möglichst breiten Öffentlichkeit nahegebracht werden kann. Zum Beispiel durch einen Vortrag im Espenhainer Haus der Zukunft, der mit einer Exkursion zu hiesigen Standorten der NS-Zwangsarbeit verbunden werden soll. Dieses Format ist auch als Angebot für die Schulen der Region denkbar. Geschichte kennt bekanntlich kein letztes Wort. Dieser Satz von Willy Brandt fordert mich aktuell heraus, weil die NS-Verbrechen verstärkt geleugnet und uns Rassismus im Alltag entgegentritt.