Aus den Zeiten des Kalten Krieges - Auf den Spuren der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“

Altenburg/Borna/Leipzig. In den Archiven der Stasi-Unterlagenbehörde, des BND, des CIA und denen des russischen Geheimdienstes lagern unzählige Aktenmeter mit einem Bezug zu einem privatgeführten Verein, der von 1948 bis 1959 bestand und in Spitzenzeiten bis zu 600 V-Leute in der SBZ/DDR zählte. Sein Name: „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU). Ihren Sitz hatte sie im damaligen West-Berlin. Das seit 1948 endgültig geteilte Berlin entwickelte sich gerade zur Frontstadt des kalten Krieges. In diesem sich immer weiter aufheizenden weltpolitischem Klima entstand die KgU. Zunächst als eine humanitäre Reaktion auf eine Entlassungswelle aus den sowjetischen Speziallagern und als Suchdienst während der Berlin-Blockade. Im Kontext des kalten Krieges wurden diesem Ziel sehr bald Aufgabengebiete zur Seite gestellt, zu denen neben antikommunistischer Propaganda, Spionage, Sabotage und zum Teil auch terroristisches Handeln gehörten. Beschäftigt man sich mit den Dokumenten aus jener Zeit, dann wird ein dunkles Kapitel der deutsch - deutschen Geschichte offenbar, für das lange Zeit wenig öffentliches Interesse bestand. Das trifft auch auf das  Wirken und die Spuren in Leipzig und dessen Südraum bis hin nach Altenburg zu.

KgU zählte zu den härtesten Gegnern der SED

Der dort geborene Historiker Enrico Heitzer hat 2015 mit seinem Buchprojekt „Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) Widerstand und Spionage im Kalten Krieg 1948–1959“*,  eine sehr umfassende und alle Seiten einbeziehende Analyse und Bewertung dieser „schillernden Organisation“ veröffentlicht.  Er schlussfolgert: „Mit und durch die Menschen, die sich bereit erklärten, als V-Leute in der DDR tätig zu sein, zählte die KgU bis in die Mitte der 50er Jahre zu den härtesten Gegnern des SED-Regimes und der Sowjets in Ostdeutschland. Auf alle erdenklichen und realisierbaren Arten bekämpfte sie den ostdeutschen Staat, wobei sie über eine längere Zeit selbst die Nutzung von Mitteln und Methoden nicht scheute, (…) die Grenzen zu terroristischem Handeln überschritten, weil sie erkennbar zivile Todesopfer in Kauf nahmen. Sie war offen für Radikale und Gewalttäter und versuchte mit diesen für Freiheit einzutreten.“ Finanziert wurde die Organisation, die ab Frühjahr 1951 als eingetragener Verein arbeitete, im Wesentlichen von amerikanischen Geheimdiensten, vorrangig vom amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA. Es beteiligten sich aber auch offizielle Stellen der späteren BRD und des Berliner Senates sowie Privatpersonen. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte die private US-Stiftung „Ford Foundation“.

RIAS unterstützte mit „Spitzelsendung“

Enger Partner war von Beginn an der von Westberlin aus sendende und in weiten Teilen Ostdeutschlands zu empfangende Radiosender RIAS. Neben regelmäßigen politischen Kommentaren von Ernst Tillich (ab 1951 KgU-Chef) strahlte er ab Mai 1949 bis zum Spätsommer 1953 auch bis zu fünf Mal pro Woche eine sogenannte „Spitzelsendung“  aus. Dort wurden bis zu 15 Minuten lang Namen von angeblichen Spitzeln des SED-Regimes verlesen. Die als Warnung für die Bevölkerung gedachten Namen wurden von den V-Leuten vorher auf Listen zusammengetragen und  an die KgU-Zentrale weitergereicht. Diese nicht unumstrittene Form der Einflussnahme hatte auch eine psychologische Wirkung bei den dort genannten „systemtreuen Bürgerinnen und Bürgern“. Eine Beeinflussung, die später mit der Verschickung von Drohbriefen noch weiter ausgebaut wurde.

Die „F“ -  Kampagne hatte eine beachtliche Resonanz

Eine der ersten großen Aktionen außerhalb Westberlins war die  „F-Kampagne“. Sie starte am Vorabend des 21. Juli 1949, dem 5. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler, und war lange Zeit das erste Markenzeichen der KgU, denn sie erreichte eine  beachtliche Resonanz. Der Buchstabe „F“ stand für Freiheit für die in Ostdeutschland lebenden  Menschen. Dort verfestigte sich eine kommunistische Diktatur nach sowjetischem Vorbild  immer mehr. Deshalb stand das „F“ auch für die, die es an Häuserwände und Bretterzäune malten oder mit Handzettel in Umlauf brauchten für Feindschaft gegen dieses System. So auch in Altenburg, wo Oberschüler im September 1949 mehrere große „F“ an das Gebäude der SED-Kreisleitung malten.

Mit Phosphorampullen und Stickbomben gegen den SED-Staat

Nach dem sich das direkte Beschriften als zu gefährlich herausstellte, konzentrierte man sich auf die Verteilung von Flugblättern durch die V-Leute, z. B. in Briefkästen. Ebenfalls eine nicht gefahrlose Methode und dazu noch uneffektiv, weil das Material erst in Westberlin abgeholt bzw. mühevoll selbst angefertigt werden musste.  Sehr wirkungsvoll waren ab 1950 Flugblatt-Aktionen mit Wetterballons, die mit Hilfe von Zeitzündern über dem Zielgebiet gezündet wurden. Mitte Juli 1958 kam es über dem Westteil Berlin zum sogenannten „Ballon-Unfall“. Das MfS hatte durch technische Manipulation erreicht, dass die Ballons zu viel Gas enthielten und fast alle bereits über West-Berlin platzten und ihr politischer Inhalt sich dort entleerte. Eigentlich sollte der zu diesem Zeitpunkt in Berlin tagende V. SED-Parteitag das Ziel sein. Für ihn allein waren 300.000 Flugblätter bestimmt. Nach dieser Panne wurden der KgU vom CIA Ballon-Aktionen untersagt. Die KgU bediente sich aber auch inhumaner Methoden und  riskierten damit das Leben Unschuldiger. So gab es versuchte oder missglückte  Sprengstoff- und Brandanschläge, unter anderem gegen Überlandleitungen, Straßen- und Eisenbahnbrücken. Oder wie die im Früherbst 1951 rechtzeitig erkannten und noch in den Anfängen erstickten beiden Kaufhausbrände in Leipzig (04.09. HO-Kaufhaus I  in der Hainstraße und am 08.09. HO-Kaufhaus II in der Merseburger Straße). Ende Februar 1952 wurden in der Lebensmittelabteilung einer HO-Einrichtung in der Leipziger Petersstraße 15 Stinkbomben mit Buttersäure ausgelegt.

KuG stand im Fadenkreuz der DDR-Propaganda

Wegen solcher „Aktionen“,  der teilweisen NS-Vergangenheit ihres „Personals“ und ihres radikalen Antikommunismus, stand die KgU immer im Fadenkreuz der DDR-Propaganda. Insbesondere auch nach den Ereignissen um den 17. Juni 1953, wo die KgU möglicherweise ihre Finger mit im Spiel hatte. So berichtete im Zeitraum 1. bis 3. Oktober 1953 die LVZ mehrfach unter reißerischen Überschriften, wie „Verbrecher zur Verantwortung gezogen“, „Agenten der Kriegstreiber abgeurteilt“ und „Faschistische Agentenbande zerschlagen“ von einem von drei politischen Schauprozessen, die von Ende September bis Mitte Dezember 1953 vor dem 1. Strafsenat des Bezirksgerichtes Leipzig stattfanden. Angeklagt war im ersten Verfahren, wie es in der LVZ hieß eine „Bande von Agenten und Terroristen“, die im Zeitraum Herbst 1951 bis Juni 1953 für die KgU im Bezirk Leipzig tätig war, u. a. auch in der Staatlichen Aktiengesellschaft (SAG) Brikett Kombinat Espenhain.

Espenhainer Werk und sowjetische Panzer waren im Visier der KgU 

Am 1. Oktober 1953 endete für eine Frau und sechs Männer aus Borna, Pötzschau, Holzhausen und Leipzig nach nur zwei Verhandlungstagen vor dem 1. Strafsenat des Bezirksgerichtes Leipzig ein politischer Schauprozess. Sie wurden schuldig gesprochen und  zu lebenslänglichen bzw. langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Ihr Vermögen wurde eingezogen und die damals „obligatorischen“  Sühnemaßnahmen auferlegt.  Sie hatten sich mit der von Westberlin aus operierenden „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ eingelassen und sich damit  laut Urteilsbegründung nach Artikel 6 der Verfassung der DDR und der Kontrollratsdirektive Nr. 38, Absch.  II. Art. III A  und zum Teil gegen § 47 StGB schuldigt gemacht. Sie waren am Ende Juni 1953 verhaftete worden.

Wie bei James Bond Decknamen und Geheimtinte

Der Prozess war trotz der nachgewiesenen und eingestandenen Zusammenarbeit der Angeklagten mit der KgU kein Verfahren nach rechtsstattlichen Prinzipien. Dafür spricht allein schon die Kürze des Verfahrens von nur 2 Verhandlungstagen. In dieser kurzen Zeit wickelte man für sieben Angeklagte die Beweisaufnahme, einschließlich der Befragung von 13 Zeugen sowie die Anhörung von 2 Sachverständigen, das Vortragen der Anklageschrift des Staatsanwaltes, die  Plädoyers  der Verteidiger und die Urteilsbegründung des Gerichtes ab. Zudem erfolgte bereits vor Abschluss des Progresses eine massive öffentliche Vorverurteilung, vor allem auch über die Medien. Hinzu kommt, dass Straftaten von ihrer Schwere her, keine derartig hohen Strafen rechtfertigten. Sie entsprachen aber in ihrer Höhe und Härte der damals üblichen politisch motivierten Rechtsprechung in der DDR. Vier der sieben Angeklagten kamen aus der Region Borna und waren dort einzeln und gemeinschaftlich für die KgU aktiv gewesen. Zwei von ihnen arbeiten im Kombinat Espenhain,  der  Autoschlosser A. und der Auto-Elektriker G. Letzterer, den seine „Auftraggebern“ unter den Decknamen „Tempo“ bzw. „Triebe“ führten, wurde von seiner nichtberufstätigen Ehefrau unterstützt. Zu ihnen gehörte ebenfalls der beim Konsum in Borna beschäftigter Lagerleiter M. Sie überführten laut Gerichtsakten aus Westberlin ca. 6.000 sogenannte Hetzschriften sowie 800 KgU-Klebezettel in die Region Borna und verteilten sie zum Teil auch. Erstellt wurden Namenslisten von Funktionären der SED und der Blockparteien sowie Berichte über Betriebsstrukturen, die Versorgungslage der Bevölkerung, die Volkspolizei und die in der Region stationierten Truppenteile der Sowjetarmee verfasst. So wurde die Nummerierung derer Panzer weitergegeben. Informiert wurde über die vormilitärisch ausgerichtete Organisation GST (Gesellschaft für Sport und Technik). Ebenso wurden Skizzen über die Zufahrtstraßen zum Werk in Espenhain und dessen Bewachung angefertigt und eine Generalstabskarte des Kreises Borna beschafft. Die Berichte an die KgU wurden mit Geheimtinte geschrieben. Ausspioniert wurden auch die Kapazitäten der im Kreis Borna betriebenen Getreidemühlen. Verschickt wurden an SED- und andere Funktionäre auch sogenannte Drohbriefe.  Zu deren Frankierung nutzt man eine gefälschte Briefmarke mit dem Konterfei des Präsidenten der DDR Wilhelm Pieck. Die Fälschung zeigte ihn mit einem Henkerstrick um den Hals (s. Repro).

Auf Decknamen und bescheidene Honorare folgten hohe Zuchthausstrafen

Aus den Gerichtsakten geht hervor, dass die KgU die nicht ungefährliche Spionagetätigkeit nur bescheiden honoriert hat. So gab es beim ersten Besuch in Westberlin 10 DM, später 30 DM, auf die Hand. Für die mehrjährige  Zusammenarbeit waren dies in einem Fall insgesamt 280 DM. Oft gab es aber auch Bohnenkaffe, Kakao  oder Zigaretten als „Entschädigung“.  Alles Dinge, die es bis auf Zigaretten im Osten kaum zu kaufen gab. Das offizielle Umtauschverhältnis von West- in Ostmark war 1 zu 4. Darauf nahm das Gericht genau so wenig Rücksicht, wie auf die Tatsache, dass einige Aufträge aus Angst und wegen ihrer Gefährlichkeit nur teilweise oder gar nicht ausgeführt wurden. Die Tätigkeiten für die KgU wurden als schwere Verbrechen gegen die DDR, die Sowjetunion und den Weltfrieden gewertet.  Dementsprechend  hart fiel auch die Bestrafung aus. Alle Angeklagten wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Der vermeintliche Kopf der Gruppe, der Autoelektriker G., wurde zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Für seine Ehefrau lautete das Urteil 10 Jahre. Der Lagerleiter M. vom Bornaer Konsum bekam eine Strafe von 15 Jahren. Das niedrigste Strafmaß mit 8 Jahren erhielt der Autoschlosser A. Alle Vier wurden 5 Jahre später begnadigt. Die lebenslange Zuchthausstrafe wurde auf 15 Jahre begrenzt, die anderen Strafen auf 7  bzw. 5 Jahre. Für die drei in der Region Leipzig agierenden Mitangeklagten, die als Alleintäter „handelten“,  wurde für den Zahnarzt M., Decknamen „Weißmann“ und  „Theißmann“, ebenfalls eine lebenslange Zuchtausstrafe ausgesprochen. Der Student der Veterinärmedizin  Sch., Deckname „Träger“, erhielt 15 Jahre und der ehemalige Angehöriger der Abteilung Feuerwehr der Volkspolizei M., Deckname „Ammer“, 12 Jahre. Die ihnen zur Last gelegten Straftaten waren ähnlich derer der Angeklagten aus der Region Borna. Hinzu kam der Versuch das Finanzsystem  der DDR durch Fehlüberweisungen zu stören sowie die Belästigung von Cafebesuchern in Leipzig durch das Werfen von „Stinkbomben“. Der später vom Angeklagten S. auch öffentlich eingeräumte Besitz des tödlichen Giftes Kantharidin spielte nach Recherchen des Autors in der Urteilsbegründung keine Rolle. Das Gift sollte im „Ernstfall“ sowjetische Soldaten „kampfunfähig“ machen. Das bei S. gefundene Gift kam nicht zur Anwendung. Die Tatsache wurde aber vom MfS und der DDR-Propaganda wiederholt als Beweis für das terroristische Handeln der KgU verwendet.  1958 wurden auch die Strafen dieser Verurteilten durch einen Gnadenerlass auf 15 Jahre Zuchthaus begrenzt bzw. um 3 und 6 bzw. 8 Jahre herabgesetzt.

KgU war „Futter“ für die SED-Propaganda und den Ausbau des MfS

Von Beginn an stand die KgU im Fokus des sowjetischen und des DDR-Geheimdienstes. Sie wurde „unterwandert“ und ihre Mitglieder verfolgt und teilweise zum Tode verurteilt und hingerichtet bzw. mit sehr hohen Haftstrafen bestraft. Der Historiker Enrico Heitzer ist zu dem Ergebnis gekommen, dass  1.072 Personen von Gerichten in der damaligen UdSSR und DDR wegen ihren Verbindungen zur KgU verurteilt wurden. Mindestens 126 von ihnen hat man hingerichtet. Das geschah fast ausschließlich in Moskau. Darunter aus Altenburg die Junglehrer Wolfgang Ostermann und Siegfried Flack sowie  die  Abiturschüler Hans-Joachim Näther und Ludwig Hayne (s. auch www.jugendopposition.de). Insbesondere die Militanz der KgU hat indirekt den SED-Staat stabilisiert, indem sie das „Futter“ für dessen Propaganda und die Begründung für die weitere Professionalisierung und Allgegenwärtigkeit des MfS lieferte. Im Jahre 1959 wurde die KgU nach ihrer zunehmend negativen Wahrnehmung in der westdeutschen Öffentlichkeit, u. a. Veröffentlichungen in „Stern“ und „Spiegel“, nach einer Entscheidung ihrer  amerikanischen und westdeutschen Unterstützer aufgelöst. Die Akten sollen sich CIA und BND „brüderlich“ geteilt habe.

Für all jene, die sich weiter mit diesem Thema auseinandersetzen möchten, hier ein Filmtipp. 1996 drehte Erika Fehse für den WDR einen aufschlussreichen Dokumentarfilm unter dem Titel „Mit Bomben, Gift und Reifentötern – Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“. Er ist im Internet zu finden.

 

Heitzer, Enrico: Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). Widerstand und Spionage im Kalten Krieg 1948–1959. Böhla Verlag Köln, Weimar, Wien  2015   ISBN 978-3-412-22133-1

Quellen: LVZ: Ausgaben vom  01.10, 02.10. und 03.10.1953; Wikipedia, Heitzer, Enrico: Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). Widerstand und Spionage im Kalten Krieg 1948–1959.  Böhla Verlag Köln, Weimar, Wien  2015; Archiv der Außenstelle Leipzig des BStU: LPZ AU 82/54 Bd. 14 und 20