Das Schicksal von Zwangsarbeiterinnen und deren Kinder während der NS-Herrschaft

Eine Spurensuche im Südraum von Leipzig

von Werner Winkler

 

Auf dem Höhepunkt des „Ausländereinsatzes“ im August/September 1944 arbeiteten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches rund 6 Millionen „ausländische Zivilarbeiter“ und 1,9 Millionen Kriegsgefangene. Damit waren mehr als ein Viertel der Arbeitskräfte Ausländer oder Ausländerinnen. Hinzu kamen rund 400.000 KZ-Häftlinge, deren Zahl bis Januar 1945 auf 700.000 anstieg.  Bei den zivilen ausländischen Arbeitskräften handelte es sich bis auf wenige Ausnahmen um „Zwangsarbeiter“. Fast zwei Millionen der Kategorie Zwangsarbeiter waren Frauen. Die meisten von ihnen stammten aus Polen und der Sowjetunion. Dass es sich bei ihnen um keine freiwillige Arbeit fern der Heimat handelte, macht eine Klassifikation von Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz ausländischer Arbeitskräfte, von Anfang 1943 deutlich: „Was da drüben in Sowjetrussland lebt, ist gesund. Sie werden für uns arbeiten. Sie halten zehn Stunden durch und machen jede Männerarbeit. Sie brauchen keine besondere Freizeit, ... sie brauchen keinen Waschtag. Das alles aber muss unseren deutschen Frauen ermöglicht werden.“  In den Frauen aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, die das Stigma Ostarbeiterinnen trugen, sahen die Nationalsozialisten lediglich kräftige, robuste und daher gerade für schwere körperliche Tätigkeiten geeignete „Objekte“. Deren Diskriminierung und Stigmatisierung wird auch an der Pflicht zum Tragen von besonderen Aufnähern oder Abzeichen deutlich. Trotz mehrfacher Modifizierung änderte sich bis Kriegsende wenig an diesen menschenverachtenden Dogmen. Bei Nichtbefolgung war das Mindestmaß an Bestrafung eine Geldstrafe. Die Verbote und Bestrafungen basierten auf den sogenannten „Polenerlassen und dem Ostarbeitererlass“ vom 08.03.1940 bzw. 20.02.1942., die u.a. die Kontaktaufnahme zu deutschen Frauen verboten. Bereits wegen eines „Liebesbriefes“ konnte der Betreffende der Gestapo überstellt werden, in ein KZ überführt oder gar hingerichtet werden.

Bricht man die eingangs genannter Größenordnungen des Einsatzes von „ausländischen Zivilarbeitern“ und Kriegsgefangenen auf die Region Leipzig und den dortigen Südraum herunter wird folgendes Ausmaß deutlich:

Stadt Leipzig und ehemaliger Landkreis Leipzig (dazu zählte während der Zeit des 3. Reiches verwaltungspolitisch auch die Gemeinde Böhlen):

101.827 „fremdländische“ Arbeiter, davon 81.995 Männer, 17.714 Frauen und 2.118 Kinder. Ebenfalls erfasst ist die Gesamtzahl der Verstorbenen. Sie wird mit 2.280 beziffert und ist nicht weiter untergliedert.

ASW Espenhain: (Die Gemeinde Espenhain zählte zu der damaligen Zeit verwaltungspolitisch schon zum Landkreis Borna)

Am 26.04.1944 betrug die Belegschaftsstärke 6.833, davon 2.215 Ausländer

BRABAG Böhlen: (Die Zahlen des Unternehmens sind in der Statistik für den Landkreis Leipzig enthalten)

Am 29.03.1944 betrug die Belegschaftsstärke 4.366, davon 2.461 Ausländer

Im Gegensatz zur Stadt und dem damaligen Landkreis Leipzig ist bisher für das Gebiet des damaligen Landkreises Borna keine zusammenfassende Statistik zur Erfassung „fremdländischer Arbeitskräfte“ auf der Grundlage des Befehls Nr. 163 der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) nachweisbar. Territorial gehörten die Lagereinrichtungen in Pulgar, Trachenau, Gaulis, Lippendorf und Rötha genau wie Espenhain zum Landkreis Borna. Die Gemeinde Böhlen zählte damals verwaltungspolitisch zum Landkreis Leipzig.

Wenig im Fokus der regionalen Geschichtsaufarbeitung stand bisher die Tatsache, dass es unter den „ausländische Zivilarbeitern“ der ASW (Böhlen und Espenhain) und BRABAG (Böhlen) auch Frauen gab. Bisher wurde z. B. über das riesige Gemeinschaftslager in Espenhain allgemein kommuniziert, dass dort rund 10.000 Schlafplätze in etwa 200 Baracken für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene existierten. Diese mussten ihre Arbeitskraft für die beiden kriegsrelevanten Großunternehmen und andere bis hin zur Landwirtschaft zur Verfügung stellen. Anders als in Espenhain, wo sich alle Lagerbereiche bis auf das Lager I (Aspenhof) und das Polenlager (hinter dem Unternehmen Raschig, unterhalb der Halde Trages) in einem mehr oder weniger geschlossenen Komplex befanden, traf dies nicht auf die „Lagersituation“ für den Böhlener/Lippendorfer Industriekomplex zu. Hier gab es Gemeinschaftslager in Gaulis, Rötha, Trachenau, Zwenkau und das wohl größte in Pulgar. Dieses wurde von der Deutschen Arbeitsfront betrieben. Hinzu kam noch das sogenannte Umschulungslager „Neumühle“. Die Heimatforscher Günter Jehnich und Gregor Kaufmann schreiben in ihrem Buch „Böhlen – Vom Tagebau zur Braunkohlenverarbeitung“, dass dem Einsatzleiter für die nichtdeutschen Arbeitskräfte, Hauptmann Krummbiegel aus Böhlen, bis zu 5.000 Ausländer „unterstellt“ waren. Die Zahlen lassen sich aus heutiger Sicht nicht immer in dieser Höhe belegen. Eine Ursache dafür ist, dass es ständig Änderung im Status und der Einordnung von ausländischen Arbeitskräften gab. Aus Kriegsgefangenen wurden Zivilarbeiter, aus polnischen und dänischen Zivilarbeitern wurden Gefolgschaftsmitglieder usw. Genaue Zahlen zu den insgesamt untergebrachten und beschäftigten ausländischen Arbeiterinnen sind bisher ebenfalls noch nicht belastbar in den Archiven addiert worden. Viele Unterlagen sind verschwunden bzw. wurden vernichtet. Als gesichert gilt, dass in den Jahren 1944/45 rund 370 (am 26.04.1944 waren es z. B. 378) weibliche Insassen der Espenhainer Lager für die dortige ASW zum Einsatz kamen. Die BRABAG Böhlen beschäftigte Ende März 1944 nachweislich 75 ausländische Frauen.

 

Allein in Espenhain kamen 46 „Ausländerkinder“ zur Welt

 

Ebenso wenig erforscht ist, dass ein Teil der ausländischen Arbeiterinnen in dieser Zeit auch Kinder geboren hat. Im Zeitraum 1942 bis 1945 erblickten allein in Espenhain nachweislich 43 Kinder, 25 Mädchen und 18 Jungen, das Licht der Welt. Hinzu kamen 3 Totgeburten. Als Zwangsarbeiterkinder können mit hoher Wahrscheinlichkeit 39 von ihnen eingestuft werden. Bei 7 Geburten waren die Mütter Kroatinnen. Kroatien zählte zu den engsten Verbündeten von Hitler-Deutschland. Die Kroatinnen lebten daher auch nicht in den großen Baracken der Wohnlager II und III. Sie hatten eigene kleine Unterkünfte im Lager I, zum Teil auch mit ihren Ehemännern zusammen. In vier Fällen lebten auch Mütter mit Zwangsarbeiterstatus direkt an ihrem täglichen Arbeitsort, was meist bäuerliche Einrichtungen waren. Zur Welt gebracht hat die Kinder bis auf eine Ausnahme die Pötzschauer Hebamme Wally Schormer. Eine Totgeburt begleitete ihre Röthaer Kollegin Helene Pregel. Im Lager 3 gab es eine Sanitätsbaracke, in der sich auch ein Entbindungszimmer befand, das die Hebammen für die Geburtshilfe nutzten. Dort hatten die Geburten im Wesentlichen zu erfolgen. Im Krankenrevier war mindestens ein Arzt im Auftrag der ASW tätig.

 

 

Auszug aus dem Lagerplan

 

Belegt ist dies durch den Leichenbestattungsschein des ukrainischen Jungen Iwan Dadezyak der am 15.03.1944 geboren wurde und am 15.12.1944 an Diphtherie verstorben ist. Der Bestattungsschein sagt aus, dass nach dem Tod des Kindes ein Dr. Muraschok hinzugezogen wurde. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bei so einer schweren Erkrankung, wie Diphtherie, auf der Bescheinigung der Name des behandelnden Arztes nicht vermerkt ist. Ein Indiz für eine fehlende oder ungenügende ärztliche Versorgung von erkrankten Kindern. Die damals üblichen Hausgeburten sind vorwiegend bei kroatischen Müttern nachweisbar. Sie hatten ihre Unterkünfte außerhalb des großen Hauptlagerkomplexes und damit bessere Bedingungen für die Unterbringung und Versorgung ihrer Kinder.

Neben Espenhain sind auch noch andere Lager der Region als Geburtsorte in den Registern vermerkt. Eine Sichtung der Geburten- und Sterberegister der Gemeinden Lippendorf und Pulgar ergab für den Zeitraum 1942 bis 1945 vier Geburten, die ausländischen Müttern zuzuordnen sind. Im Gemeinschaftslager der BRABAG in Pulgar wurden 1943 von verheirateten kroatischen Müttern zwei Knaben zur Welt gebracht. Im Arbeitserziehungslager „Höhensonne“ gebar in eine Ukrainerin ebenfalls einen Jungen. Außerhalb der Lager wurde im gleichen Jahr von einer Polin, die auf dem Gelände des Rittergutes Peres wohnte, ein weiteres Kind geboren. Es ist davon auszugehen, dass die Kinder bis zu den Lagerauflösungen nach der Besetzung des Territoriums durch die US- und später Rote Armee noch am Leben waren. Hinweise auf frühzeitige Todesfälle lassen sich anhand der Register nicht belegen. Aus einer Liste, die sich im Archiv der Gemeinde Neukieritzsch befindet, geht jedoch hervor, dass auf einer Begräbnisstätte für Ausländer die direkt neben dem Friedhof von Pulgar lag, zwischen Mai 1943 und Mai 1945 fünf Kinder, drei Jungen und zwei Mädchen, bestattet wurden. In den Unterlagen ist als Nationalität durchweg UdSSR dokumentiert. Eines dieser Kinder, ein Mädchen, wurde nachweislich in der Bergstraße 7 in Groitzsch, wo sich ein Ostarbeiterinnenlager befand, geboren. In der Zeit vom 18.11.1942 bis zum 16.05.1945 haben 23 Russinnen und eine Polin als Zwangsarbeiterinnen im Hartpapierwerk in Groitzsch gearbeitet. Eine davon war die Mutter des am 10.02.1945 verstorbenen Mädchens. Damit wird deutlich, dass bereits vor dem Frühjahr 1944, als die Leipziger Erla-Werke in Folge der schweren Luftangriffe auch Teile ihrer Kriegsproduktion nach Groitzsch und Pegau verlagerten, in der Wiprecht-Stadt Zwangsarbeiterinnen arbeiten und leben mussten. Das Hartpapierwerk hat während der Zeit des 2. Weltkrieges zusätzlich zum sonstigen Produktionssortiment Kartuschen, Gasmaskenbehälter und Löscheimer produziert.  Laut Sterbeurkunde ist das Mädchen Swilawa nach nur 6 Monaten an Lungentuberkulose im Groitzscher Lager verstorben. Ein erneuter Beweis dafür, dass die Kinder oft mit ihren Müttern unter den Lagerbedingungen leben mussten.  Bei den anderen Kindern fehlen jegliche Angaben zum Geburts- und Sterbeort. Die geringen Geburten in den BRABAG-Lagern ergeben sich wahrscheinlich aus der deutlich niedrigeren Anzahl der ausländischen weiblichen Arbeitskräfte in diesem Unternehmen. Im Vergleich zum ASW-Lager in Espenhain (378) waren es 1944 bei der BRABAG nur 75 Frauen (47 Kroatinnen, 13 Frauen aus dem Gebiet der UdSSR, 8 Belgierinnen, 5 Italienerinnen und 2 Französinnen). Wie viele weibliche ausländische Arbeitskräfte in anderen Bereichen, insbesondere der Landwirtschaft, eingesetzt waren, ließ sich bisher nicht ermitteln.

 

Kinder von Polinnen und Frauen aus der Sowjetunion waren unerwünscht

 

Erwartete eine Zwangsarbeiterin ein Kind, so bewerteten die offiziellen Stellen und die Betriebsführer dies mit großem Missfallen. Sie sahen sich zum einen mit Leistungsminderung, Arbeitsausfall, organisatorischen Aufwand und zusätzlichen Kosten konfrontiert. Zum Anderem stellte vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Weltanschauung   eine Entbindung bei einer als "rassisch minderwertig" eingestuften Polin oder „Sowjetrussin“ darüber hinaus einen unerwünschten Bevölkerungszuwachs dar. Anfangs wurden schwangere Frauen aus Polen und der Sowjetunion im 6. Schwangerschaftsmonat in ihre Heimat abgeschoben. Ab dem Frühjahr 1943 entsprach es der Logik des menschenverachtenden Regimes, dass man versuchte, derartige "Unannehmlichkeiten" durch geburtenverhindernde Maßnahmen von vornherein zu vermeiden. Anders als bei deutschen Frauen war es daher bei osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen gestattet, "auf Wunsch der Schwangeren" (wie es in dem entsprechenden Erlass des Reichsgesundheitsministers vom März 1943 hieß) Abtreibungen vorzunehmen. Prinzipiell richteten sich die Bestrebungen der Arbeitgeber und der verschiedenen Behörden auch darauf, "von der Möglichkeit der Schwangerschaftsunterbrechung bei Ostarbeiterinnen weitgehendsten Gebrauch" zu machen. Anders die Praxis bei deutschen Frauen. Ihnen wurde der Zugang zu Verhütungsmitteln erschwert. Deutsche Frauen „guten Blutes“ sollten Schwangerschaften weder verhindern noch abbrechen können.

Ab 1943 galt für deutsche Frauen bei Abtreibung, wenn „die Lebenskraft des deutschen Volkes fortgesetzt beeinträchtigt“ wurde, die Todesstrafe oder Zuchthausstrafen bis zu fünfzehn Jahren. Darüber hinaus hatten bereits Ende 1942 SS-Reichsführer Himmler, und Generalbevollmächtigter Sauckel vereinbart, dass „gutrassige Kinder“ den Frauen entzogen und in besonderen Heimen als Deutsche erzogen werden sollten. 1935 hatte Heinrich Himmler den Lebensborn e. V. gegründet, der sich zur Aufgabe machte, „den Kinderreichtum in der SS zu unterstützen, jede Mutter guten Blutes zu schützen und zu betreuen und für hilfsbedürftige Mütter und Kinder guten Blutes zu sorgen“. Der Verein gab unverheirateten „wertvollen“ Frauen die materielle Möglichkeit, ihre Kinder auszutragen, und bot ihnen so eine Alternative zum Schwangerschaftsabbruch.

Eine solche Einrichtung gab es auch in Kohren-Sahlis im Leipziger Land. Dort lebten im Lebensborn-Heim „Sonnenwiese“ neben Kindern von norwegischen Frauen und deutschen Besatzungssoldaten, auch „geraubte Kinder“ aus Osteuropa, die „germanisiert“ werden sollten. Ziel war es, „rassenhygienisch wertvolle“ Menschen für die Nazidiktatur heranzuziehen. Bisher liegen keine Erkenntnisse vor, dass Kinder aus Lagern der Leipziger Region nach Kohren-Sahlis überstellt wurden. „Schlechtrassige“ Kinder sollten in Kindersammelstätten, später setzte sich die wohlklingendere Bezeichnung „Ausländerkinder-Pflegestätten“ durch, zusammengefasst werden. Für sie wurden oft „hochtrabende Bezeichnung“ erdacht. Ob solche Einrichtungen in unmittelbarer Nähe der großen Lagerkomplexe um die Werke in Böhlen und Espenhain bestanden lässt sich nach jetzigem Stand nicht mehr belegen. Für Polinnen und Ostarbeiterinnen, die in der Landwirtschaft eingesetzt waren und schwanger wurden, gab es ab 1944 in Technitz bei Döbeln in einem Alten- und Pflegeheim eine Abteilung für 18 ausländische Neugeborene. Wie aus dem dokumentierten Schriftverkehr hervorgeht, wurden die Mütter faktisch gezwungen ihre Kinder dort „abzugeben“. Anfänglich galt, dass in einem Erwachsenenbett 2 Säuglinge, später sogar 4 Säuglinge unterzubringen sind. Besuchen durften die Mütter ihre Kinder nur am 1. Sonntag im Monat in der Zeit von 9 bis 17 Uhr.

 

Lagerbedingungen und Diskriminierung wirkten sich auf die Lebenserwartung der Kinder aus

 

Die Standards, die in einer Neuordnung der Barackenbeschaffung vom 17.04.1942 geregelt waren, machen deutlich, unter welch primitiven Bedingungen die Lagerinsassen leben mussten. So durfte ein Barackenraum für 12 Fremdarbeiterinnen nur eine minimale Ausstattung haben: u. a. 6 Mannschaftsdoppelbetten, 6 Mannschaftsdoppelschränke, 1 Mannschaftstisch (200 cm), 12 Stühle, 12 Strohsäcke, 24 Decken, 24 Handtücher, 2 Waschschüsseln, 2 Wasserkannen und 1 Wassereimer.

Es ist davon auszugehen, dass Kinder, die in den großen Gemeinschaftslagern zur Welt kamen, auch unter diesen Bedingungen aufwuchsen. Das bestätigt z. B. der Leichenbestattungsschein von Iwan D. (UdSSR/Ukraine), der am 15.03.1944 im ASW Wohnlager II in Espenhain zur Welt kam und am 15.12.1944 dort an Diphtherie verstarb. Den schwangeren Ostarbeiterinnen standen im Gegensatz zu deutschen und werdenden Müttern aus „befreundeten Staaten“ keine Ernährungszulagen zu. Sie sollten ihre Säuglinge so lange wie möglich stillen. Danach erhielten sie bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres täglich einen ½ l Vollmilch. Aufgrund der Sterbezahlen ist davon auszugehen, dass sie außer Milch zunächst kaum Nährmittel erhielten. Erst 1944 ergänzte ein Erlass die genauen Angaben zu Mehl, Fett, Nährmitteln, Zucker und Kartoffeln.

Die Diskriminierung begann jedoch schon vor der Geburt.  In einer Anordnung vom März 1943 wurde geregelt, dass die Frauen „nur in dringenden Fällen einen Bezugsschein für ein Umstandskleid“ erhielten. Es durfte „nur so viel Stoff bewilligt werden, wie zur Änderung der vorhandenen Kleidung unbedingt erforderlich“ war. Auch für die Kleidung ihrer Säuglinge bekamen sie ab Erreichung des achten Schwangerschaftsmonats nur die halbe Menge an Bezugsscheinen, die einer deutschen Mutter zustanden. Für die Osteuropäerinnen galt offiziell lediglich eine Mutterschutzfrist von zwei Wochen vor und sechs Wochen nach der Geburt, die allerdings oft nicht eingehalten wurde. Negative Wirkung ging auch von den hohen Wochenarbeitszeiten aus. Sie steigerten sich mit der Verschärfung der Kriegssituation auf bis zu 10 Stunden am Tag. Nur der Sonntag war, wenn die Betroffenen nicht im Schichtsystem beschäftigt war, arbeitsfrei. Aber selbst da gab es immer wieder Aufrufe zu zusätzlichen Arbeitsleistungen, z. B. auch in der Landwirtschaft.

Die hohe Zahl von frühen Todesfällen in Espenhain (8 dort geborene Kinder und ein 1942 in Lublin geborener polnischer Junge, der mit seiner Mutter nach Espenhain kam) und die Eintragungen im Sterberegister lassen die Vermutung zu, dass die Kinder mit ihren Müttern in den meisten Fällen in den Lagerbaracken leben mussten. Hinzu kommen 3 Totgeburten. Aus den Lagern der BRABAG und der ASW Böhlen sind keine Todesfälle von dort geborenen Kindern bekannt. Diskriminierung und Lagerbedingungen boten für jedes 4. Kind keine Lebenschancen. Bis auf zwei Ausnahmen waren sieben Mütter, deren Kinder tot geboren wurden bzw. früh starben, Bürgerinnen der damaligen UdSSR. In drei Fällen waren sie polnischer Nationalität.

 

 Sie hatten keine Lebenschancen:

 

 

Vorname
Abkürzung
Familienname

Nationalität

Geburtsdatum
Geburtsort

Sterbedatum

Sterbeort

1.

Marja G.        

Polen  

13.08.1943

Espenhain

11.09.1943

Leipzig

2.

Theresia S.

Kroatien

12.10.1943

Espenhain

21.11.1943

Espenhain

3.

Franz Q.

Polen  

11.11.1943

Espenhain

22.11.1943

Espenhain

4.

Maria A.

Italien 

19.01.1944

Espenhain

31.12.1944

Altenburg

5.

Iwan D.

UdSSR (Ukraine)

15.03.1944

Espenhain

15.12.1944

Espenhain

6.

Miroslaw F.

UdSSR (Ukraine)

01.02.1944

Espenhain

19.07.1944

Elstertrebnitz

7.

Romann J.

UdSSR (Ukraine)

14.02.1944

Espenhain

13.03.1945

Espenhain

8.

Boleslav K.

UdSSR (Ukraine)

28.04.1944

Espenhain

07.03.1945

Espenhain

9.

Stanislaus P.

Polen

11.11.1942 Lublin

29.03.1944

Espenhain

 Sie wurden tot geboren:    

 

Vorname
Abkürzung
Familienname

Nationalität

Datum

Ort

1.

Portyka B.

UdSSR

03.03.1943

Espenhain

2.

Katharina L.

UdSSR

25.05.1943

Espenhain

3.

kein Vorname D.

UdSSR

27.03.1945

Espenhain

 

(Aufgrund der schwierigen Handschriften der Personen, die die Geburten bzw. Todesfälle seiner Zeit beurkundet haben, lässt sich nicht für alle betroffenen Kinder die exakte Schreibweise des Nachnamens feststellen. Deshalb wurde sich bei allen Betroffenen für die Schreibweise des vollständigen Vornamens und des ersten Buchstaben des Nachnamens entschieden. Dem Autor liegen die vollständigen Namen bzw. deren Deutung vor.)

 

 Zweifelsfrei sind die Namen der auf dem Ausländerfriedhof von Pulgar bestatteten Kinder dokumentiert:

 

Vor- u. Familienname

Nationalität

Geburtsdatum Geburtsort

Sterbedatum

Sterbeort

1.

Alexander Flenkow

UdSSR

Unbekannt

 

18.05.1943

unbekannt

2.

Anatoli Pascha

UdSSR

20.06.1944 unbekannt

 

27.06.1944 unbekannt

unbekannt

3.

Switlawa,

Walla, Michailowa

UdSSR

16.08.1944 Groitzsch,

Bergstr. 7

10.02.1945

Groitzsch, Bergstr. 7

4.

Olga Rippe

UdSSR

01.02.1945 unbekannt

26.02.1945

unbekannt

 

unbekannt

5.

 

Iwan Semenjuk

 

UdSSR

 

01.05.1945

unbekannt

16.05.1945

unbekannt

unbekannt

 

 

Die rassenideologische Diskriminierung setzte sich auch nach dem Tod der Kinder fort. In der Friedhofsordnung für den Ausländerfriedhof in Espenhain vom 22.03.1944 war über die Größe von Reihengräbern für Kinder bis zu 6 Jahren festgelegt: Länge 1,20 m; Breite 0,60 m; Abstand 0,30 m. Der Ausländerfriedhof (nach dem Bombentod von 128 französischen Kriegsgefangenen in Espenhain am Pfingstsonntag 1944 wurde er im Volksmund als Franzosenfriedhof bezeichnet) befand sich in einem kleinen Waldstück, das zur Gemarkung der Gemeinde Muckern gehörte (heute Muckern-Dreiskau und Ortsteil der Gemeinde Großpösna) und nahe der Staatstraße Richtung Leipzig (alter Verlauf der Reichsstraße bzw. F 95) lag. Anfang der 1950er Jahren wurden die Toten exhumiert und der Friedhof aufgelöst. Der sich auf dem Gelände befindliche Baumbestand wurde wenig später gefällt und die gesamte Fläche einer landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt, was auch heute noch der Fall ist.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

 Zwangsarbeiter, Zwangsarbeiterinnen und deren Kinder sind bis heute „vergessene Opfer“ 

 

Die NS-Zwangsarbeit wurde in den Nürnberger Prozessen klar verurteilt. In der BRD betrachtete man in Politik und Justiz sie jedoch lange Zeit als übliche Begleiterscheinung von Krieg und Besatzungsherrschaft. Sie wurde bagatellisiert und nicht als eine spezifische Form des NS-Unrechts anerkannt. Hinzu kam, dass ausländische NS-Opfer im Nachkriegsdeutschland ohnehin kaum Stimmen hatten, die sich für ihr Schicksal einsetzten. Eine Aufarbeitungskultur zu den Verbrechen der Nationalsozialisten gab es bis zum „Ausbruch“ der „Achtundsechziger-Bewegung“ nur sehr begrenzt. Wie schwer eine Bewertung der Hitler-Diktatur war, wird am Schicksal des hessischen Generalstaatsanwaltes und Nazi-Jägers Fritz Bauer (1903 bis 1968) deutlich. Eindrucksvoll in der ARD-Verfilmung „Der Staat gegen Fritz Bauer“ dokumentiert. Die Frankfurter Auschwitzprozesse (1963–1981) wären ohne seinen hartnäckigen Einsatz wahrscheinlich nicht zustande gekommen. Symptomatisch für die halbherzige Aufarbeitungskultur: Die Tatbeteiligten wurden größtenteils nur zu wenigen Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Gleichzeitig zeigte sich, dass breite Schichten der Gesellschaft die Verfahren und die Aufarbeitung ablehnten. Im anderen deutschen Nachkriegsstaat, der DDR, fielen die Urteile gegen NS-Verbrecher in der Regel härter aus, bis hin zur Todesstrafe. Von einer wirklichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und Mitschuld des deutschen Volkes an den begangenen Verbrechen war auch der „konsequente Antifaschismus“ der DDR weit entfernt. So passte das Thema Zwangsarbeit mit seinen vielen Fassetten nicht in das schwarz/weiß Bild der DDR-Ideologie. Die menschenverachtende Unterbringung und Ausbeutung in Lagern wurden auf die Formel: Lager = KZ, KZ = Buchenwald, Buchenwald = kommunistischer Widerstand, personifiziert durch Ernst Thälmann, reduziert. Selbst der Holocaust war bei dieser Sichtweise von nachgeordneter Bedeutung. Grundsätzlich wurde anderen Formen der verbrecherischen Behandlung von Menschen aus von Nazi-Deutschland besetzten Ländern bei der Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten kaum Raum gegeben. Eine der wenigen Ausnahmen, war der 1978 gesendete TV-Film „Über sieben Brücken musst du geh’n“. Nach einer Geschichte des Leipziger Autors Helmut Richter (1933 bis 2019), wird sich vor dem Hintergrund einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen einer jungen Espenhainerin (Espenhain heißt im Film Zaspenhain) und einem polnischen Monteur, der an den Kühltürmen des Kraftwerkes Thierbach mit baute und im ASW-Lagerkomplex geboren sein soll, dem Thema vorsichtig genähert. Bemerkenswert: Im gesamten Film wird nicht einmal der Begriff „Zwangsarbeit“ verwendet, es wird nur allgemein von Lagern gesprochen. Eine der wenigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit diesem Teil der NS-Verbrechen ist die noch in der DDR begonnene Dissertation von Brigitte Reiche, die sie 1990 an der Universität Leipzig zum Thema „Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten Weltkrieges eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen“ vorlegte. Die Arbeit klammert jedoch die große Anzahl von Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenen in Espenhain und Böhlen aus nicht benannten Gründen aus. 

Auch nach dem politischen Untergang der DDR änderte sich an der konsequenten Aufarbeitung wenig. Bei der Auflösung der ehemaligen VEB-Betriebe wurden viele Dokumente achtlos vernichtet. Die Frage, braucht das noch einer, war symptomatisch für diese Zeit. So ist viel ungenutzte Zeit verstrichen und Zeitzeugen leben immer weniger. Heimatgeschichtliche Recherchen geben zum Teil die tatsächlichen Leiden der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen unscharf und verfälscht wieder („von irgendwelchen Schikanen oder Drangsalierungen der ausländischen Arbeitskräfte war nichts bekannt …“ oder wenn sie ihre Arbeit ordentlich verrichtet haben, dann ging es ihnen gut).

Ehemalige Beschäftigte aus Betrieben, in denen Zwangsarbeiter beschäftigt waren, neigen teilweise zu einer „technischen Verklärung“ der Zeit des Nationalsozialismus, indem sie die kurzen Bauzeiten und neuen Technologien sowie die „gigantischen“ Produktionsleistungen in der Bewertung, vor die der Verbrechen stellen.

Auf dem ehemaligen ASW-Gelände in Espenhain steht vor der 1938 errichteten Hauptwerkstatt ein Stein mit einer historischen Zeittafel. Zwangsarbeit und Verbrechen der Nationalsozialisten spielen dabei keine Rolle.

Auch an den riesigen Lagerkomplex gegenüber dem ehemaligen Werksgelände erinnert nichts. Bemühungen hier einen Gedenkort einzurichten fanden, bisher sehr wenig Unterstützung. Zwei positive Beispiele sind aus dem Verantwortungsbereich der Gemeinde Neukieritzsch zu nennen. Das Lager Pulgar, welches auch ein Außenlager des KZ Buchenwald beherbergte, war für seine unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen berüchtigt. Viele der hier zur Arbeit gegen ihre Heimat gezwungenen Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion, Polens, den Niederlanden, Belgiens, Italiens und Frankreichs kamen ums Leben. Der Ort Pulgar wurde in den neunzehnhundertsiebziger Jahren abgerissen. Auf dem Gelände errichtete die DDR eine Olefin-Anlage für den VEB „Otto Grotewohl“ Böhlen. Nach dem Abriss von Pulgar wurden die Toten des Ausländerfriedhofes im Jahr 1976 in ein Sammelgrab umgebettet. Durch die Auflösung des Friedhofs wurde die Gedenkstätte am Rand der Olefine-Werke neugestaltet und 1993 eingeweiht. Sie enthält Gedenktafeln die an niederländische, italienische und sowjetische Gefangene und Zwangsarbeiter erinnern. Heute betreibt das amerikanische Unternehmen DOW die Industrieanlage. Wenige Kilometer weiter südlich erinnert ein Gedenkstein am Fuße der Hochhalde Lippendorf an die niederländischen Opfer, die während einer Razzia in Beverwijk/Velsen-Noord am 16. April 1944 festgenommen und zur Zwangsarbeit deportiert wurden. Von 1944 bis 1945 haben 96 von ihnen mit Hunderten weiteren Niederländern in den sogenannten Arbeitserziehungslagern „Höhensonne“ auf der Hochhalde Lippendorf und im nahen Lager „Alpenrose“ in Peres gelitten. 102 von ihnen haben dies nicht überlebt. Am 8. Mai 2020, gedachte der Bürgermeister von Neukieritzsch Thomas Hellriegel, mit Vertretern des Gemeinderates und Superintendent Jochen Kinder vom Kirchenbezirk Leipziger Land den Opfern. Als hoffnungsvolle Zeichen auf dem steinigen Weg zu einer würdevollen und mahnenden Erinnerungskultur sind die Projekte des Leipziger Historikers Dr. Martin Baumert und des ebenfalls aus der Messestadt stammenden Künstlers Martin Haufe sowie des Kultur-Bahnhofs (Markkleeberg) einzustufen. Mit Spaziergängen zu den Orten der Zwangsarbeit in Espenhain und Workshops zum Thema „Wie kann an die Opfer der NS-Zwangsarbeit erinnert werden?“ versuchen sie mit weiteren Akteuren ein größeres Maß an Öffentlichkeit und Verantwortlichkeit zu erreichen.

Quellenverzeichnis:
Sächsisches Staatsarchiv Leipzig:
Bestand 20640 ASW Espenhain, Akte 030 Einsatz ausl. Arbeitskräfte
Bestand 20231 Nr. 1513 (Durchführung und Kontrolle Befehl Nr. 163)
Bestand 23655 BRABAG Böhlen Akte 122
Bestand Amtshauptmannschaft Döbeln (Nr. 58, 1418, 2173)
Bestand 20231 Kreistag/Kreisrat Borna (1213, 1224, 1505)

Publikationen:

Leipzig im Nationalsozialismus (Beiträge zu Zwangsarbeit, Verfolgung und Widerstand), Martin Baumert S. 91 bis S. 114

Böhlen – Vom Tagebau zur Braunkohlenverarbeitung (Günter Jehnich/Gregor Kaufmann)

Dissertationen:

Brigitte Reiche,1990, Universität Leipzig „Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten Weltkrieges eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen“

Geburten- und Sterberegister:

Espenhain, Pulgar, Lippendorf und Groitzsch

Diverse Webseiten zum Thema u.a. www.krieggegenkinder.org

Danksagung:

Ohne die Unterstützung durch das Sächsische Staatsarchiv Leipzig (Dr. Christian Schlöder und Marion Fechner), das Archiv des Landkreises Leipzig in Grimma (Beatrice Hendel), die Gemeinde Neukieritzsch (Bürgermeister Thomas Hellriegel), deren Standesamt (Andreas Gohr) und Archiv (Frau Janietz), Frau Fettke vom Standesamt Groitzsch sowie die fachliche Beratung von Dr. Martin Baumert (Leipzig/Bochum) und der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig (Frau Friebel und Kolleginnen) sowie der ortskundigen Unterstützung durch Peter Petters (Espenhain) wäre diese zum Teil sehr kleinteilige Recherche nicht möglich gewesen. Vielen Dank.
Ein großes Dankeschön auch an Udo Hautmann für sein „kritisches“ Lesen und die daraus resultierenden Nachfragen.

Anlagen: Geburts- und Sterbeurkunde von Switlawa, Walla, Michailowa
Geburtsurkunde:

Sterbeurkunde:


Quelle: Standesamt der Stadt Groitzsch