Zeugnisse der Rassen- und Herrenmensch-Ideologie der deutschen Nationalsozialisten

 

von Werner Winkler

Neukieritzsch. Wer sich in Archiven und Gesprächen mit Zeitzeugen mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, der Hitler-Diktatur beschäftigt, der hat sicher schon viele entlarvende Beweisstücke für die Rassen- und Herrenmensch-Ideologie der deutschen Nationalsozialisten zu Gesicht bekommen. So ging es mir auch jüngst bei einem Besuch im Archiv der Gemeinde Neukieritzsch, wo drei Kartons mit unterschiedlichen Unterlagen und Dokumenten aus den Lagern für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter rund um den kriegswichtigen Industriekomplex Böhlen/Lippendorf aufbewahrt sind. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Akten aus den Lagern Pulgar und Lippendorf. Auf zwei dieser historischen Druckstücke soll hier näher eingegangen werden. Das erste ist ein mehrsprachiges Merkblatt für Arbeiter aus Lettland, Estland und Litauen aus dem Jahre 1942.

 

 

Ein Merkblatt gleichen Inhaltes gab es auch „für Arbeiter ukrainischen und weißruthenischen Volkstums“.

 

Für Lohn und Brot, beides gönnerhaft vom Großdeutschen Reich versprochen, mussten sich die „angeworbenen“ Arbeiter auf begrenzte Bewegungsfreiheit, Bestrafung mit Arbeitserziehungslager sowie das unter strengster Strafe stehende Verbot von jeglichem Geschlechtsverkehr mit deutschen Frauen und Mädchen, einlassen. Trotz dieser Demütigungen und durch Ausnutzung der historischen Feindschaft (Annektierung nach Hitler-Stalin-Pakt und Umwandlung in Sowjetrepubliken) dieser Nationen gegenüber der Sowjetunion wurden noch weiter reichende Einlassungen, vor allem der männlichen Bevölkerung, möglich. Sie wurden in SS-Strukturen organisiert und direkte Mitwirkende bei Massenvernichtungsaktionen von Juden und Erschießungen von Partisanen auf dem besetzten Territorium der ehemaligen Sowjetunion und darüber hinaus. Die ca. 140.000 Letten die SS-Verbänden angehörten zeugen möglicherweise auch davon, dass sich viele der erniedrigenden Arbeit im Deutschen Reich nicht aussetzen wollten. Sie wählten getragen von ihrem Hass gegen Juden und Kommunisten aus ihrer Sicht die vermeintliche Chance der Anerkennung und des Dabeiseins bei der „Vernichtung des Bolschewismus und des Judentums“. Zu Kennzeichnung trugen sie am rechten Kragenspiegel ihrer Uniform ein Hakenkreuz und die lettische Fahne am linken Ärmel. Das Gefühl der Gleichstellung wurde u. a. auch durch die Verleihung von hohen Auszeichnungen an lettische Freiwillige befördert. So erhielten sieben das „Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz“ und sechzehn das Deutsche Kreuz. Am 20. März 2014 deckte das Politik-Magazin „Kontraste“ der ARD auf, dass ehemalige lettische SS-Leute seit den 1950iger Jahren aus der bundesdeutschen Rentenkasse sogenannte „Opferrenten“ beziehen, ihnen Kuren usw. bezahlt werden. Wie viele Letten, Esten und Litauer in Böhlen und Umgebung in Lagern wohnten und für den Fortbestand der deutschen Kriegs-Maschinerie arbeiteten, geht aus dem Archivmaterial nicht hervor. Die Ursache dafür liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit in dem von den Nationalsozialisten nach dem Überfall auf die Sowjetunion eingeführten Sammelbegriff „Ostarbeiter“.  Dazu zählten neben Weißrussen und Ukrainern auch Arbeitskräfte aus dem Baltikum, insbesondere Letten und Esten. In Weisungs- und anderen Schriftstücken jener Zeit findet sich auch die Bezeichnung „Arbeitskräfte aus dem altsowjetischen Gebiet“.  Eine differenziertere ethnische Unterteilung ist über die einzelnen Kriegsjahre nicht möglich. Zumal auch der Status der Ostarbeiter immer wieder Änderungen oblag. Als gesichert gilt, was ein Schreiben des Lagerführers des Gemeinschaftslagers Lippendorf II vom 01.09.1944 belegt. In ihm wird die Anschaffung von 2007 ukrainische, 192 russische und 15 weißrussische Abzeichen durch die Kreispolizeibehörde erbeten. Die diesem Schriftstück beigefügten Namenslisten und deren Präzisierung lassen den Schluss zu, dass im Herbst 1944 in diesem Lager 1993 Ukrainer, 182 Russen und 13 Weißrussen untergebracht waren.

 

 

Das´ Nichttragen des Ostarbeiter- bzw. Polenabzeichens wurde bestraft

 Das zweite Dokument trägt den „sperrigen“ Titel „Merkblatt für deutsche Betriebsführer über das Arbeitsverhältnis und die Behandlung von Zivilarbeitern polnischen Volkstums aus dem Generalgouvernement und den eingegliederten Ostgebieten“. Dort ist u. a. zu lesen: "Jeder deutsche Betriebsführer hat sich stets bewusst zu sein, dass die ihm unterstellten Zivilarbeiter polnischen Volkstums Angehörige eines Feindesvolkes sind, und sein Verhalten danach einzurichten“ Das bedeutete, dass jeder „gesellige Verkehr“ zwischen den polnischen Arbeitskräften (Zwangsarbeitern) und der deutschen Bevölkerung verboten und zu melden war. Im Einzelnen umfassten die Beschränkungen:

  • Den Zwang zum Tragen des Abzeichen „P“, das sogenannte Polenabzeichen. Es musste auf der rechten Brusttasche der Oberbekleidung getragen werden und fest mit dieser verbunden sein.
  • Das Verbot, den zugewiesenen Aufenthaltsort ohne besondere Genehmigung der Ortspolizei nicht zu verlassen.
  • Für die Nachtstunden bestand ein Ausgangsverbot.
  • Ohne Erlaubnis der Ortspolizei durften keine öffentlichen Verkehrsmittel oder Fahrräder benutzt werden.
  • Besuche in Theatern, Kinos, Gaststätten usw., die auch die deutsche Bevölkerung besuchte waren ebenfalls verboten.
  • Nicht gestattet waren das Fotografieren und die Benutzung von fotografischen Apparaten.
  • Das Verbot des intimen Verkehrs mit Deutschen.

Insbesondere die Ahndung des „intimen Verkehr“ mit Deutschen erfolgte durch „schärfste staatspolizeiliche Maßnahmen“. Diese reichten von der Einweisung in ein KZ bis hin zur Todesstrafe. Diese „Auflagen“ und „Androhungen“ waren nicht nur an die polnischen Arbeitskräfte gerichtet. Auch „Deutsche Volksgenossen“, die den Erfolg dieser Maßnahmen gefährdeten, in dem sie unerlaubte Beziehungen mit Polen anknüpften, Briefe für sie weiterleiteten oder Fahrkarten und Spirituosen kauften oder Fahrräder zur Verfügung stellten, wurden zur Rechenschaft gezogen. Bekannt ist, dass es in diesem Zusammenhang immer wieder Denunzierungen gab. In den Neukieritzscher Archivkartons befinden sich auch eine beachtliche Anzahl von Schriftstücken, die die Bestrafung wegen des Nichtragens des Polen- bzw. Ostarbeiterabzeichens zum Inhalt haben. So schrieb z. B. der Bürgermeister von Lippendorf am 7. Juni 1944 an die Lohnabrechnung der ASW in Böhlen, das bei sechs Ostarbeitern, davon drei Frauen, eine Strafe in Höhe von je 16,20 RM vom Lohn abzuziehen und auf das Gemeindekonto zu überweisen sind.

Akribisch waren auch alle im Zusammenhang mit der Unterbringung der Arbeitskräfte stehenden Fragen geregelt. Sie reichten von der scharfen Trennung zwischen deren Unterkünften (Baracken oder Schnitterkasernen) und denen der „deutschen Volksgenossen“, dem Unterbleiben der sonst üblichen Aufnahme des „Gesindes“ in die häusliche Gemeinschaft der Bauernfamilien, bis hin zur Trennung bei der Nahrungsaufnahme und der Pausendurchführung. Die in diesem Beitrag analysierten Merkblätter und anderen Dokumente sind beeindruckende Zeitzeugnisse der Rassen- und Herrenmensch-Ideologie der deutschen Nationalsozialisten. Eine in anderen Veröffentlichungen zu diesem Thema zu lesende wertungsfreie und weitgehende undifferenzierte Unterscheidung in die Kategorien „reichsdeutsche wehrfähige und nicht wehrfähige Arbeiter“, „zivile ausländische Arbeiter“ und Kriegsgefangene entspricht zwar dem nationalsozialistischen Sprachduktus, birgt aber die Gefahr der Verharmlosung in sich. 

Quellen: Archiv der Gemeinde Neukieritzsch: Lose Sammlung von Dokumenten aus den Gemeinschaftslagern in Lippendorf und Pulgar, Wikipedia: Weiterführende Hintergrundinformationen zu den aufgeführten Nationen/Staaten